Attraktivierung der Wochenmärkte

Der Großmarkt in Bremen hat einen neuen Geschäftsführer. Statt Herrn Kluge, ist jetzt Hans-Peter Schneider Geschäftsführer. Interessant ist, dass Peter Schneider seit einigen Jahren auch Geschäftsführer der Messe-Bremen ist. Dementsprechend wurde auch gleich ein neues Unternehmen ins Leben gerufen, mit Namen „M3B GmbH“.

Nun liegt auch gleich dem neuen Geschäftsführer des Großmarktes eine Anfrage aus dem Bremer-Senat vor, die sich auf die 34 Wochenmärkte in Bremen bezieht und die bis Ende Dezember 2018 von Herrn Schneider beantwortet werden muss. Inhalt des Fragenkatalogs: umfassenden Darstellung des Status Quo und Entwicklung von Zukunftsperspektiven für alle Wochenmärkte in Bremen!

Status Quo:
Bei den Wochenmärkten wandern die Standbezieher ab, u.a. weil sie Nachfolge-Probleme haben und die Besucherzahlen auf allem Märkten merklich zurück gehen und damit auch die Umsätze sinken. Diese negative Spirale setzt sich bei den Besuchern und potentiellen Käufern fort, denn mit schrumpfenden Marktständen und reduziertem Warenangebot, schwindet die Attraktivität für einen Marktbesuch. Eine Änderung der Konkurrenz-Situation Markt vs. Einzelhandel kommt dazu.

Nach meinen Recherchen ist das nicht nur ein Bremer-Problem. Alle Märkte in Deutschland haben sich in den letzten 60 Jahren kaum um die wachsende Konkurrenz des Lebensmittel-Einzelhandels und der Discounter gekümmert. Früher hatte der „Tante Emma-Laden“ nur „Waren des täglichen Bedarfs“ und die frischen Lebensmittel, wie Obst, Gemüse, Kräuter, und teilweise Fisch und Fleisch, gab es auf den Wochenmärkten als regionale Versorgungseinrichtung.
Inzwischen sind „Frische + lückenlose Kühlketten“ kein Problem mehr für den Lebensmittel-Einzelhandel. Mehr noch: über regionale, nationale und internationale Zulieferer, gerade von Obst und Gemüse, hat er mindestens die gleiche Qualität, wie die Angebote auf den Wochenmärkten und sind bei gleichzeitig breiterem Angebot, eben oft auch preiswerter, als die Wochenmarkt-Angebote.

Sagte mir doch auf dem Waller-Wochenmarkt am Wartburgplatz in Bremen eine alte Dame: „Ich weiß, dass das hier ein schlechter Wochenmarkt ist, im Vergleich zum Findorffer-Wochenmarkt. Aber auch wenn ich hier einkaufen würde, käme ich gleich mal auf 50 Euro und das kann ich mir als Rentnerin nicht leisten!“

Wenn ich im Lebensmittel-Einzelhandel und bei den Discountern ALDI, LIDL, EDEKA, REWE, PENNY und NETTO sowieso meinen täglichen Bedarf decken kann, warum sollte ich dann noch auf einen Wochenmarkt gehen, und teurere Produkte kaufen?

Alle Wochenmärkte der Republik sind in den letzten 60 Jahren ungesteuert und chaotisch gewachsen, eigentlich ohne jegliche Anpassung an die Veränderung des Angebotsmarktes und der latenten Konkurrenz durch den Einzelhandel. Eine marketingtechnische Betreuung wurde von keinem Großmarkt den Standbetreibern angeboten, sondern die Aktivität beschränkte sich auf eingesetzte „Pseudo-Marktmeister“, die als Kondukteure, lediglich als Eintreiber der Standgebühren eingesetzt wurden.

Jetzt hat man das wohl auch in Bremen bemerkt (aha!) und der Senat erwartet jetzt vom neuen Geschäftsführer des Großmarktes Zahlen und auch neue Konzepte für die 32 Bremer Wochenmärkte. Endlich rührt sich etwas in Bremen!

Ich habe zusammen mit Jens Emigholz ganz tief und breit recherchiert und festgestellt, dass es neben der o.g. Entwicklung noch viel, viel mehr Probleme gibt, die unbedingt in die Überlegungen mit einbezogen werden müssen:

  • die Sozialstruktur ändert sich schnell, wir bekommen immer mehr ältere Bürger und die haben besondere Erwartungen und Bedürfnisse, an Laufkomfort (weg mit den holprigen Pflastersteinen), an Toilettenanlagen (und wenn es sie überhaupt gibt, an deren unzumutbaren hygenischen Zuständen), an mehr Haltestellen des ÖPNV an den Märkten, an Service-Einrichtungen, Zwischenlagermöglichkeiten der eingekauften Lebensmittel, etc.
  • eine Änderung der Marktzeiten mehr in den Nachmittags- oder frühen Abendbereich würde den jüngeren Leuten des nahen Wohnumfeldes gefallen, aber die Standbetreiber spielen da kaum mit.
  • Überhaupt zeigt jeder Wochenmarkt eine völlig eigene Sozial-, Alters- und Bedarfsstruktur auf des Wohnumfeldes auf, so dass sich schon mal gleich ein globales und neues Konzept für ALLE Wochenmärkte nicht eignet. Jeder Standort braucht eigene Lösungen.
  • Wer kümmert sich eigentlich bisher um die Qualität der angebotenen Waren auf den Wochenmärkten? Der Großmarkt hat sich bisher nicht darum gekümmert, geschweige denn Qualitäten kontrolliert! Auch die Gewerbe-Aufsicht und das Gesundheitsamt nicht!
  • Wer kümmert sich um Hygiene-Angelegenheiten und Sanitäreinrichtungen. Auf fast allen Wochenmärkten gibt es KEINE Toiletten. Lediglich in Findorff gibt es 2 Toiletten (!!!) ,die nach spätestens 2 Stunden Marktzeit gnadenlos verdreckt sind. Auch für die Standbetreiber gibt es keine separate Toiletten, so wie man das aus Seuchengesichtspunkten bei jedem Restaurant und größerem Imbiss vorschreibt.
    Frisches Obst und Gemüse, Fleisch, Fisch und Geflügel wird mit bloßen Händen angefasst, mit dem auch das Geld (Scheine und Münzen mit reichlich Koli-Bakterien) angefasst werden. Schon im Einzelhandel sind an Lebensmittelständen Handschuhe bei den Verkäuferinnen mit direktem Lebensmittelkontakt vorgeschrieben.
  •  usw.

    Es bedarf also umfassender und neuer Konzepte, die den regionalen Lebensmittel-Einzelhandel nicht als Konkurrenz sehen, sondern hier müssen synergetische Effekte mit den örtlichen Marketing- und Einzelhandelsverbänden erarbeitet und praktiziert werden.

    Ein attraktiver und funktionierender Wochenmarkt ist eine Bereicherung der Wohnqualität der Bürger und ein gutes Aushängeschild für jede Stadt oder für jeden Stadtteil!

    Wenn der Lebensmittel-Einzelhandel inzwischen also die gesamte Grundversorgung übernommen hat, was bleibt da noch für Wochenmärkte übrig anzubieten, warum soll ich als Verbraucher dort noch hingehen?

    Die Lösung heißt nicht: „wir brauchen größere PKW-Parkmöglichkeiten bei den Wochenmärkten!“

    Das wirkliche Zauberwort heißt: Einkaufserlebnisse schaffen!

    Wir brauchen Verkostungen, Gastronomische Angebote, Beratungen zum Angebot und zur Zubereitung, und dann kaufen wir auch wieder Ost und Gemüse auf dem Wochenmarkt. Aber das muss „etwas Besonderes sein“, und das rechtfertig dann auch ein höheres Preisniveau, als im Laden.

    Kennen Sie denn im Lebensmittel-Einzelhandel entsprechende Fachverkäufer für die Kundenberatung? Die gibt es in ganz Bremen an keinem Obst- und Gemüsestand, außer im Kaufhaus LESTRA, da kann ich noch Beratung bekommen.

    Auf Märkten ist das anders und da weiß so mancher Standbetreiber, wie er mit adäquater Beratung, den Kunden als Stammkunden gewinnen kann!

    Der Markt ist dann nicht nur ein „Kauf- und Versorgungsort“, analog zum Ladenlokal. Man trifft sich dort mit Freunden und Bekannten und wenn „der neue Wochenmarkt“ gut und bedarfsgerecht konzipiert ist, ist er sogar interessant für die Touristen in der Stadt. Bestes Beispiel ist der Viktualienmarkt in München, umgeben von diversen Biergärten und Restaurants. Natürlich ist er auch ein Magnet für Touristen!

    Wir brauchen an einigen Standorten auch sogenannte „Motto-Märkte“, wie das vereinzelte Bio- oder Regio-Märkte schon anbieten. Aber da gibt es eben mehr an Motto-Gedanken zu entwickeln.

    Es muss eine stetige Marketingberatung für Standbetreiber her, denn welcher Landwirt kennt sich schon damit aus, seine Produkte marktgerecht anzubieten.

    Also: ein Änderungsbedarf ist wohl überall in der Republik erkannt und der geht weit über die Befragung des Bremer-Senats hinaus.

    Wenn Sie in Google einfach mal eingeben: „Attraktivierung Wochenmärkte“, werden Sie von Suchergebnissen erschlagen; extrem viele Städte und Gemeinden schlagen sich mit dem Problem schon jahrelang herum. Aber da wird eben nur an Standards „herumgeschraubt“! Und das ist eben heutzutage viel zu wenig, in dieser Zeit der regionalen und globalen Konkurrenz im Handel!

    Warum zeigen wir nicht mal als Bremer, dass es andere und erfolgreichere Lösungen für das Problem „Attraktivierung von Wochenmärkten“ gibt? Wenn der neue Geschäftsführer, Peter Schneider, genau so viel Energie in dieses Thema investiert, wie in sein Hobby-Produkt, die Messe „Jazz Ahead“, dann könnte das klappen ….

    gez. Prof. Roland W. Schulze, 04. Februar 2020

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